Wir alle sind nicht frei von stereotypen Denkmustern. Das wurde mir erst kürzlich wieder bewusst. Ich hatte einen Social Media Post vorbereitet, mit dem ich auf unser Coworking-Angebot in Kombination mit flexibler Kinderbetreuung für alle Homeoffice-geplagten Eltern hinweisen wollte. Der Post war für unsere erweiterte Community bestimmt, also Gründer*innen-Netzwerke, verschiedene Expat-Communities und Facebook-Gruppen, in denen sich viele berufstätige Eltern tummeln.

Die Posts in den Expat- und Familien-Gruppen waren schnell raus – doch bei den Business-Netzwerken kam ich ins Stocken. Ich spürte eine innere Barriere: War es angemessen, einen Post, der in erster Linie unsere Kinderbetreuung thematisierte, in einem Business-Netzwerk zu posten? Hier ging es doch um Arbeit und eben nicht um Kinder. Würde der Beitrag die Mitglieder der Gruppe nerven? Andererseits, warum sollte er – schließlich enthielt er ein Angebot, das vermutlich sogar für viele relevant war. Wir hatten in der Vergangenheit einige Meetups dieses Netzwerks bei uns gehostet und kannten einen Teil der Mitglieder persönlich. Und doch tat ich mich unglaublich schwer, einen Post, auf dem unser an den Coworking-Bereich angedockter Kinderraum zu sehen war, mit buntem Spielzeug, Kids und Betreuerinnen in Aktion, in einem Netzwerk für “Business Women” zu posten. Sprich: Ich selbst ertappte mich dabei, wie ich zwei streng voneinander getrennte Schubladen aufmachte: Familie links, Business rechts – und bitte bloß nicht durcheinanderbringen.

Woher kommt dieses Bild in meinem Kopf? Reden, schreiben, gründen wir nicht seit Jahren dagegen an? Warum ist es so schwer, diese Denkmuster aufzubrechen – selbst bei denen, die es längst besser wissen und anders leben?

Die “Mutter-Skala”: Karrierefrau oder Mami-Bloggerin?

Ich denke, eine Ursache liegt in der permanenten Bewertung von Elternschaft. Wenn du Kinder bekommst, hat plötzlich jede*r eine Meinung zu dir und dem was du tust (und nicht tust). Auch im öffentlichen Diskurs sind die Zuschreibungen, die Eltern und insbesondere Müttern zuteil werden, sagen wir mal: wenig originell. Werden Frauen bei der Geburt eines Kindes noch quasi-übermenschliche Kräfte attestiert, sind diese ganz schnell wieder vergessen, wenn die frischgebackene Mutter zurück in ihre Führungsposition möchte oder ein siebenstelliges Investment für ihre Startup-Idee einzusammeln gedenkt. Die Musikerin Judith Holofernes hat ihre Begegnung mit der “Eltern-Skala” in einem Interview mit der FAZ beschrieben: “Am Anfang habe ich noch relativ freimütig über das Thema geredet, weil ich dachte, es ist wertvoll, über die Realität des (…) Elternseins zu sprechen. Aber bald habe ich das gelassen, weil das Mutti-Narrativ immer krasser wurde. Wie bei so einer Konzernbossin, der alle nach ihrem ersten Kind immer sagen, wie mütterlich sie ihre Flipcharts organisiert.” Quasi-übermenschlich ist dann tatsächlich der Kraftakt, den Eltern absolvieren müssen, um zwischen Kategorien von “echter Karrierefrau” und scheinbar von jeglicher beruflicher Ambition befreiter “Mami-Bloggerin” einfach sie selbst zu bleiben, und im Vertrauen an das eigene Können ihren Weg zu gehen.

Work Space für Eltern – wie eine Space Mission, nur krasser.

Als meine Mit-Gründerin Silvia und ich 2016 den ersten Coworking Space mit flexibler Kinderbetreuung in Berlin starteten, fanden wir uns auf allen möglichen Punkten auf der Eltern-Bewertungsskala wieder, je nachdem, mit wem wir sprachen. Ein bisschen gespaltene Persönlichkeit kann auch heute noch, in 2020, nicht schaden, wenn man als Mensch mit Kind ein Business aufbaut. Hatten wir gestern noch als Speakerinnen auf einer hochkarätigen internationalen Konferenz über ParentPreneurship und Work Spaces der Zukunft gesprochen, waren wir am nächsten Tag in einem anderen Gespräch “die Gründerinnen dieses Mami-Ladens”. Der, bei dem Kund*innen anriefen, um sich vorab rückzuversichern, dass die von ihnen gebuchte Veranstaltung in unserem Workshopraum auch ja nicht durch herumspringende Kinder gestört werden würde. True story. Es sind diese kleinen Bemerkungen, die wir zwar im Moment ihrer Äußerung lässig kontern – die aber offensichtlich doch unser Denken und Handeln prägen. Die uns bremsen oder dazu führen, dass wir uns permanent erklären und rechtfertigen.

Auch sind wir immer wieder überrascht, mit welcher Bewunderung für unser Konzept uns viele Menschen begegnen: ein Work Space mit Kindern? Unter einem Dach? Wow! Mitunter fühlen wir uns, als hätten wir die erste bemannte Mission zum Mars gestartet und nicht einfach nur Räume geschaffen, in denen wir ganz selbstverständlich und ohne übermenschlichen Kraftakt aller Beteiligten zwei essentielle menschliche Bedürfnisse zusammenführen: das Bedürfnis nach Familie und das nach beruflicher Verwirklichung.

Den Papa dazu schalten – jederzeit.

Das klingt jetzt alles furchtbar negativ. Doch es gibt natürlich auch Lichtblicke. Und diese werden spürbar mehr. Es sind Begegnungen, wie die mit dem Anzug tragenden Geschäftsführer (Sorry, Klischee, aber ist so geschehen), der morgens ziemlich wortkarg in einem unserer Meetingräume verschwand und in der zweiten Kaffeepause auf Socken und ohne Sakko in unserem Community-Café auf der Couch sitzend von seinen Kindern erzählte. Nicht zufällig, sondern weil er spürte, dass er es in diesem Umfeld konnte. Es sind Rückmeldungen, wie die eines Vaters, der ein Jahr lang fest zu unserer Community gehörte, und der an seinem letzten Tag vor uns saß und sagte: “Wisst ihr, was ich so an diesem Ort mag? Dass ich mich hier ganz meiner professionellen Entwicklung widmen kann, mit dem guten Gefühl, den Papa in mir jederzeit dazu schalten zu können.” Und es sind die vielen “Rückkehrer*innen”, die auch mit dem zweiten und dritten Kind zu uns kommen und sagen: Ja, ich bin wieder da – mit Baby und Business, wie gehabt.

Elternschaft und Business konsequent zusammendenken

Genau da wollen wir hin! Weg von den Schubladen – Arbeit hier, Familie dort – und hin zur Wertschätzung eines Lebens, das aus ganz unterschiedlichen und nicht immer geradlinig verlaufenden Phasen besteht, in denen Kinder mal mehr und mal weniger präsent sind, aber immer das (Arbeits-)Leben und die Entscheidungen ihrer Eltern maßgeblich prägen. Und das hat mitunter weitreichende Konsequenzen. Denn diese Entscheidungen betreffen auch die Frage, wie Eltern denn – frei nach Frederic Laloux – wirklich wirklich leben und arbeiten wollen und welchen Unternehmungen sie ihre Zeit und Energie widmen möchten. Dass viele Menschen in der Elternzeit erstmals mit dem Gedanken spielen, selbst zu gründen, ist kein Zufall. Dass Eltern-Gründer*innen oft Social Entrepreneure sind, auch nicht. Elternschaft und Unternehmer*innentum gehören untrennbar zusammen. Wenn wir wollen, dass Menschen in allen Lebensphasen ihr Potenzial entfalten und mitgestalten können, müssen wir die eingangs beschriebenen Denkmuster aufbrechen und konsequent Strukturen bauen, die verschiedenste Facetten des Lebens verbinden, statt sie zu trennen. Work Spaces und Startup-Hubs, die auch Eltern und Kinder mitdenken, sind hier ein wichtiger Baustein.

Mit dem neu gegründeten Think Tank “COSI.collab” von Michelle Bäßler (COSI) und den ParentPreneurs packen wir das Thema ganz pragmatisch an, entwickeln Handlungsempfehlungen für beteiligte Akteur*innen in Politik und Wirtschaft und unterstützen Gründer*innen von Workspaces durch den Austausch von Wissen und Erfahrungen. Je mehr erfolgreiche Coworking-Konzepte für Eltern es gibt, desto stärker wird sich dieses Arbeitsmodell durchsetzen, davon sind wir überzeugt!

Wenn ihr bei diesen Themen auf dem Laufenden bleiben/mitreden wollt:

**Slack: COSI.collab** https://lnkd.in/gisb9SK

Der nächste Deep Dive “Founding a Workspace for Parents” (Thema: Sources of Income) findet am 4. März statt. Ein Deep Dive zu politischen Rahmenbedingungen folgt am 23. März. Bitte meldet euch über Meetup an und aktiviert die Benachrichtigungsfunktion, um über neue Termine informiert zu werden.